Phantasien und Realien

Phantasien und Realien

Bei den führenden Ärzten des antiken Griechenlands finden sich keine Angaben über den therapeutischen Wert des Einhorns. Das betrifft Hippokrates ebenso wie Dioskurides und Galen. In der Tradition des “Physiologus” und erweitert durch den starken Einfluß arabischer Medizin und Naturlehre (Abb. 4) im Zuge der islamischen Eroberung Spaniens sowie der Kreuzzüge breiteten sich heilkundliche Auffassungen über das Einhorn erst wieder im Hochmittelalter aus. Hildegard von Bingen (1098 – 1179) darf dabei natürlich nicht fehlen.

Abb. 4
Fabelwesen (Mitte Einhorn) aus der
arabischen Qazwini-Handschrift (13. Jh.).
Forschungs- und Landesbibliothek Gotha.

Es ist schon amüsant, wenn sie in ihrer “Physica” (um 1155) Aussagen zu den Eigenschaften eines imaginären Tieres trifft. Beispiele: Eine Salbe aus der mit Eidotter vermischten Leber des Einhorns soll jede Art von Aussatz heilen, ein Gürtel aus der Haut des Tieres vor Pest und Fieber schützen. Schuhe aus Einhornleder würden für gesunde Füße sorgen.

Auch andere Autoren, z. B. Albertus Magnus (1193 – 1280) und Konrad von Megenberg (1309 – 1374), weisen auf die Heilkräfte des Einhorns hin. In die Tierbücher des 16. Jh. werden kritiklos Fabelwesen aufgenommen. So erscheinen bei dem Straßburger Humanisten-Arzt Michael Herr (1546) neben 60 Wirbeltieren Lindwurm, Greif und Einhorn. Der Züricher Stadtarzt und Naturkundler Conrad Gessner (1516 – 1565), übrigens ein Opfer der Pest, läßt im Band III der “Historiae Animalium” seiner Phantasie freien Lauf. Einhornpulver solle man anwenden wider die fallende Sucht, pestilenzisches Fieber, den wütigen Hundebiß und die Würmer im Leib. Als Martin Luther im Sterben lag, wurden ihm zwei Löffel pulverisiertes Einhorn in Wein eingeflößt. Bei Gessner wie auch im “Kreutterbuch” des Frankfurter Stadtphysikus Adam Lonitzer (1527 – 1586) wird betont, daß das Einhorn hinsichtlich seiner Kostbarkeit dem Gold ebenbürtig ist. Immer wieder steht die universelle Antidotwirkung im Mittelpunkt (Abb. 5).

Abb. 5
Laurentius Catelanus (um 1568 - 1647).
Kupferstich von 1625 mit der Beschriftung des einhorn-Horns: “Pello venena procul” (ich vertreibe die Gifte von fern).
Aus: Jahrbiuch der Medizinhistorischen Sammlung der Ruhr-Universität Bochum, 1995

Es gab allerdings auch Mediziner wie den französischen Chirurg und königlichen Leibarzt Ambroise Paré (1510 – 1590), der von einer Schwindeldroge sprach.

In Anbetracht des hohen Preises wird der “Markt” mit Material unterschiedlicher Herkunft und aus obskuren Quellen beliefert worden sein; Hauptsache war die hornartige Beschaffenheit. Ursprünglich dienten das Horn der Nashörner und die Stoßzähne der elefanten aus Ausgangsstoff. In Europa mußten auch das Geweih von Paarhufern und sogar versteinertes Holz herhalten. Das Tier selbst blieb unentdeckt, es sei mit der Sintflut umgekommen.

Die aus Nordeuropa, vor allem aus Grönland, stammenden und bereits seit dem 12. Jh. sehr gesuchten, keinem konkreten Tier zuzuordnenden weißen, spiraliggewundenen Hörner wurden Mitte des 17. Jh. von den dänischen Anatomen Ole Worm (1588 – 1654) und Thomas Bartholin (1616 – 1680) als Stoßzahn (nicht Horn!) des Narwals identifiziert. Es gab auf einmal ein
“unicornu marinum”, das – als “unicornu verum” bezeichnet – in vielen Apotheken verwertet (z. T. bis zum ende des 18: Jh.!) und in mancher Offizin sogar an der Decke aufgehängt wurde.2) Daneben in inoffizieller Zweitnutzung war das Einhorn als Phallussymbol ein begehrtes Aphrodisiakum.

Beim Männchen des zu den Zahnwalen gehörenden Narwals (Monodon monoceros) entwickelt sich aus einem linkenEckzahn ein 1,5 – 3 m langer Stoßzahn, dessen biologische Bedeutung noch ungeklärt ist. Er wird mit Ritualkämpfen im Rahmen des Sexualverhaltens in Zusammenhang gebracht.

Seit dem 17. Jh. erhielten alle “Einhörner” neue Konkurrenz, diesmal aus “unterirdischen” Schichten. Zunehmend wurden Stoßzähne des eiszeitlichen Mammuts zutage gefördert und als “
unicornu fossile” bzw. “falsum” deklariert, wobei über “echtes” oder “falsches” Einhorn die Ansichten auseinandergingen. Das Geschäft mit dem Einhorn blühte so, daß sogar künstliche Produkte (“unicornu arteficiale”) aus unterschiedlichsten Bestandteilen hergestellt wurden, wie es z. B. noch in Zedlers Univeral-Lexikon (1734) empfohlen wird. Aber durch den im Zeitalter der Aufklärung forcierten Siegeszug der kritischen Vernunft bröckelte der Glaube an die Macht des Einhorns, dessen medizinischer Part allmählich zur Kuriosität schrumpfte.

Hier klicken zur nächsten Seite

2) Gegenwärtig existieren in Deutschland mehr als 100 Apotheken, die den Namen “Einhorn” führen, davon nur zwei in Thüringen (Mühlhausen, Vacha)