Fabula und Fama

Fabula und Fama

Ähnlich wie der geflügelte Drache und mehr als andere Fabeltiere wie der sich selbst verjüngende Vogel Phönix, der Basilisk, ein schlangenschwänziger Hahn , oder der Greif, ein Mischwesen aus Adler und Löwe, hat das Einhorn Menschen unterschiedlicher Kulturkreise seit mehr als zwei Jahrtausenden in Kult und Kunst fasziniert. Hinzu kommt beim Einhorn – eigentlich ein Geschöpf sine materia – eine starke heilkundliche Komponente. Fernöstliches und Abendländisches vermischte sich. Als Substrat diente im europäischen Raum jeweils ein organischer Fetisch terrestrischen oder marinen Ursprungs.

Am Anfang steht der Arzt Ktesias aus dem griechischen Knidos an der asiatischen Mittelmeerküste, der im 4. Jh. V. Chr. am persischen Königshof als Leibarzt tätig war. Er fabulierte in seinem Buch über Indien, das er nie persönlich kennengelernt hatte, daß dort wilde weiße Esel mit rotem Kopf, blauen Augen und einem ellenlangen Stirnhorn leben würden. Schon bei Ktesias taucht die Mär von der Antidotwirkung jenes Horns auf. Trinkgefäße aus diesem Material und pulverisiertes Horn sollten sämtliche Gifte neutralisieren und außerdem gegen Epilepsie helfen. Ein jüngerer Bericht stammt von dem Griechen Megasthenes, der Indien tatsächlich bereiste und von elefantenfüßigen Pferden mit einem schwarzen Horn und furchteinfößender Stimme spricht. Vermutlich liegt der Schilderung des orientalisch-antiken Fabelwesens ein asiatisches Panzernashorn (Rhinoceros unicornis) zugrunde. In späteren Schriften erscheint je nach Herkunft des Erzählers die Tiergestalt als Pferd, Esel, Ziege, Reh, Antilope oder Nashorn.

Auf Ktesias und Megasthenes geht die ganze vorchristliche Einhorn-Literatur zurück, so die Darstellung in der Enzyklopädie “Naturalis historia” von Plinius d. Ä. (um 24 – 79) und bei Clausius Aelianus (um 170 – 240) in dessen Werk “De natura animalium”. Aelian wiederholt auch die Überlieferungen von den Entgiftungskräften des Einhorns. Im 6. Jh. unternahm der byzantinische Mönch Kosmas Indikopleustes ausgedehnte Reisen nach Ostafrika und in arabische Gebiete. Seine Beobachtungen galten u.a. der Tierwelt jener Länder, wobei das Einhorn zwar erwähnt wird, doch habe er es nur als Standbild gesehen.

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