Das geheiligte Tier

Das geheiligte Tier

Bereits in der Bibel fällt mehrfach der Name Einhorn, wenn auch als Übersetzungsfehler für Wildstier. Im Talmud wird es ebenfalls genannt. Wegweisend für viele Jahrhunderte wurde aber das in Alexandria zwischen 150 und 200 entstandene Büchlein “Physiologus”, das nichts mit der Physiologie im heutigen Sinne zu tun hat, in zahlreichen Fassungen verbreitet wurde und die Vorstellung vom Einhorn wesentlich prägte. Von den 42 Tieren, die im Physiologus behandelt werden, ist das Einhorn Gegenstand des Kapitels 22. Jedes Kapitel besteht aus einem naturkundlichen Teil (mit allen Irrtümern des Verfassers bzw. der Autoren) und einem christlich-allegorischen Teil. Zum Einhorn wird bemerkt: “Es ist ein kleines Tier wie ein Böckchen, friedlich ist es und sanft, doch der Jäger kann ihm nicht nahe kommen, weil es so stark ist. Ein Horn hat es mitten auf der Stirn. Wie jagt man es nun? Eine reine Jungfrau setzt man ihm in den Weg, und es springt ihr in den Schoß, und sie streichelt das Tier und führt es in den Palast des Königs.” Der Mythos der Einhornjagd ist geboren (Abb. 1).

Abb. 1.
Physiologus, Kapitel 22:
Vom Einhorn
Zeichnung: Hans-Ulrich Herold
Aus: Physiologus,
Union Verlag, Berlin 1981

Die Zähmbarkeit durch eine Jungfrau wird ins Physikotheologische verwandelt: Das Einhorn als Symbol für Reinheit und Stärke wird zum Sinnbild der Menschwerdung Christi im Schoß der Maria. Als älteste bildliche Darstellung dieses sakralen Motivs gilt eine Melodienbuch (Antiphonar) des Schweizer Klosters Einsiedeln aus dem 12. Jh. Auch an mittelalterlichen Chorgestühlen und Bauplastiken sowie auf französischen und süddeutschen Bildteppichen der Spätgotik (ein Exponat mit Hirschen, Löwen, Greif und Einhorn ist im Palas der Wartburg zu bewundern) findet sich die beschriebene Szene. In der altdeutschen Kunst folgt die Einhornjagd einem festen ikonographischen Programm. Davon zeugen beispielsweise thüringische Altargemälde des 15. Jh.: zum einen im Weimarer Schloßmuseum, zum anderen im Erfurter Dom (Abb. 2).

Abb. 2
“Einhorn-Altar” aus
dem Erfurter Mariendom
(Ausschnitt).
Tafelbild aus der 2. Hälfte
des 15. Jh.

Der Erfurter “Einhorn-Alter” zeigt “Maria Verkündigung” mit dem Erzengel Gabriel, der als Jäger mit vier Hunden (als Verkörperung der Tugenden Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Wahrheit, Friede) das Einhorn verfolgt, das zu Maria im umhegten Garten (hortus conclusus) flüchtet. Schließlich verbot das Trientiner Konzil (1545 – 1563) die bildliche Gestaltung der Einhornjagden. Doch das Fabeltier lebte auch im kirchlichen Raum bis ins 18. Jh. fort, wie es beispielsweise die Emporenbilder zur Genesis in einer Oberlausitzer Dorfkirche belegen (Abb. 3)1).

Abb. 3
Barocke Emporenmalerei
in der ostsächsischen Dorf-
kirche Nieder-Seifersdorf.
Das Einhorn ist (noch) ein
Tier des Paradieses.

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1) Gedankt wird Pfarrer A. Fünfstück für die Genehmigung zur Bildreproduktion