Schlangeneier

Das Einhorn

Mannigfaltige Kräfte hat das Horn des Einhornes. Pulverisiert ist es ein hochwirksames Mittel gegen Vergiftungen. Dieselbe Wirkung haben Becher, die aus dem Horn geschnitzt sind. Ist das Einhorn selbst Symbol der Jungfräulichkeit und Keuschheit, so steht sein Horn in gegensätzlichem Ruf: es sei, als Pulver eingenommen, ein altbewährtes Aphrodisiakum und Potenzmittel. Im 17. Jahrhundert wurde die Einhornmedizin als Allheilmittel angesehen.

Das Einhorn (Munsterus, 1544);
aus Abel, 1939


Folgendes Rezept ist als Heilmittel gegen die Pest überliefert:

Bezoardisches Schweißpulver:
Gegrabenes Einhorn     ...
Hirschhorn ohne Feuer präpariert   ...
Armenischen Bolus     ...
Krebsaugen      ...
Gereinigten Saliter     ...
Schwefelblüthe     ...
Kampfer      ...
Dieses alles zu feinem Pulver gemacht.


1 Pfund,
1 Pfund,
1 Pfund,
1 Pfund,
½ Pfund,
½ Pfund,
4 Loth.

(zitiert nach ABEL, 1939)

Diese Medizin mußte mit Essig oder Bier eingenommen werden und half nicht nur gegen die Pest, sondern gegen alle fiebrigen Krankheiten. [Als Bolus wurden meist weiße Tonerden bezeichnet. 1 (Handels-) Pfund = 467 Gramm (in Preußen) - 560 Gramm (in Österreich), nicht zu verwechseln mit dem Medizinal-Pfund = 3/4 Handels-Pfund! 1 Loth = 1/32 Handels-Pfund = 14,6 - 17,5 Gramm.]

Den Kräfften nach hat es benebenst einer anhaltenden und adstringierenden Qualität / auch eine Schweiß=treibende Gewalt an sich / und ist deswegen [...] in den hitzigen und gifftigen Fiebern / wo sich Durchfall eräugnet / ein vortreffliches Mittel: versüsset alle übernächtliche Säure im Leib / und stopffet auch gemeine Bauch-Flüsse / rothe Ruhr und dergleichen / wann man ein Scrupel oder halbes Quint darvon in einem gegen die Kranckheit streitenden Gewässer einnimmt. [...] Unterdessen wird von einigen erinnert / daß ehe man das gegrabene Einhorn bey Menschen gebrauche / solches zuvor an Hunden und anderen Thieren solle probieret werden / weilen es bißweilen etwas gifftiges bei sich haben soll.
(VALENTINI, 1704; zitiert nach ABEL, 1939)
 

Es ist erstaunlich, daß das Einhorn, welches doch als Wundermittel gegen Vergiftungen in Gebrauch stand, bisweilen selbst giftig sein soll! [Scrupel: altes Apothekergewicht; 1 Scrupel = 1/288 Medizinal-Pfund = 1,22 - 1,46 Gramm; Quint (Quentchen): altes Handelgewicht; 1 Quint = 1/128 Handels-Pfund = 3,9 - 4,4 Gramm].

Als Hörner des Einhornes dienten zumeist Mammut-Stoßzähne, aber auch, als die Nachfrage das Angebot an Stoßzähnen weitaus überstieg, Höhlenbären-Knochen (die auch als Drachenknochen zu medizinischen Ehren gelangten; z.B. aus der Drachenhöhle bei Mixnitz, Steiermark) = gegrabenes, echtes Einhorn, sowie Narwalzähne = falsches Einhorn. Das Einhorn war derart beliebt, daß es von zahlreichen Apotheken im "Firmenschild" geführt wurde. Noch heute haben in Deutschland mehr als 100 Apotheken den Namen "Einhornapotheke". Doch bereits VALENTINI (1704) wundert sich:
Es will sich gar nicht zusammen raumen / daß da dieses Tier so rar / wild / und nur in der Einöde zu finden / doch in dem Schoß einer reinen Jungfrau soll gezeugt werden [d.h. nur von einer Jungfrau gefangen werden kann, in deren Schoß es seinen Kopf legt] welche dahin niemahl kommet: und wann es so rar ist / wo kommen so viel hundert Hörner her / die man hin und wieder findet und täglich verbraucht?
(zitiert nach ABEL, 1939)

Versteinerter Stoßzahn
(gegrabenes Einhorn)
(Mercati, um 1574);
aus Abel 1939

Auch Versuche, ein fossiles Einhorn zu rekonstruieren, gab es. In Quedlinburg wurden im Jahre 1663 Knochen vom Mammut und vielleicht auch vom Wollnashorn zu einem phantasievollen, zweibeinigen Einhorn zusammengesetzt.
 

Das Quedlinburger Einhorn;
aus Abel, 1939

Doch nicht nur das Horn dieses wunderlichen Tieres fand Verwendung:
Die Leber wird gegen Aussatz und ähnliche Leiden angewandt; ein aus der Haut geschnittener Gürtel schützt gegen Pest und Fieber. Ein unter das Eß- oder Trinkgeschirr gelegter Huf läßt bei warmen Speisen und Getränken durch Heißwerden, bei kalten durch Rauchen erkennen, ob Gift beigemischt ist.
(HILDEGARD VON BINGEN, zw. 1150 u. 1158; zitiert nach SCHÖPF, 1988)

ABEL O. (1939): Vorzeitliche Tierreste im Deutschen Mythus,
Brauchtum und Volksglauben. - 304 S., Jena (Gustav Fischer).

SCHÖPF H. (1988): Fabeltiere. - 167 S., Graz (Akademische Verlagsanstalt);
Lizenzausgabe 1992 für VMA Verlag, Wiesbaden
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