Kokon

Der Kokon

Ich erwache in einem Kokon
aus Trauer, Einsamkeit und Stille.
Eine Tür öffnet sich.
Eine Tür?
Was ist eine Tür?
Wo ist eine Tür?
Meine Überlegungen werden gestört.
Schatten verengen mein Sichtfeld.
Sichtfeld.
Schon wieder so ein nichtssagendes Wort.
Diese Schatten.
Sie kommen näher.
Bedrohlich ragen sie vor mir auf.
Dann beugen sich
schreckliche Fratzen über mich.
Haßerfüllte Augen
durchbohren mich mit ihrem Feuer.
Verzerrte Münder
speien Wut und Enttäuschung
auf mich herab.
Schläge prasseln auf mich ein
und erreichen mich doch nicht
in meinem Kokon.
Starke Arme ziehen mich hoch
und schleifen mich zum Fenster.
Mein Gott,
schon wieder so ein Wort.
Die Schatten halten inne,
lassen mich einfach fallen.
Irgendetwas passiert hier
und ich weiß nicht was.
Ist ja auch egal, oder?
Ich werde wieder hochgezerrt,
kalte Luft umströmt mich.
Ich friere gottsjämmerlich.

Das Wunderbare.

Genau unter mir
liegt der wunderbarste
Teil des Parks der Klinik.
Das Prunkstück
ist diese begehbare,
zauberhafte Brunnenplastik.
Rotbraune Trittsteine
führen Dich an den
immer höher werdenden
schlanken Silbersäulen vorbei,
auf denen
bewegliche Silberschalen thronen.
Und das Beste daran:
Wenn die höchstgelegene Schale voll ist -
(Wie wird das bewerkstelligt? -
Ein Minispringbrunnen,
den man von unten nicht sieht?) -
kippt sie und gibt das Wasser
an die nächstniedere Schale weiter,
nur um wieder gefüllt zu werden.
Beim Kippen entsteht ein Ton,
und jede Schale hat ihren eigenen!
Es ist ein einziges Tönen und Plätschern.
Die letzten Säulen
sind übermannsgroß
und da der Weg
und somit auch die Säulen
einer großen ovalen
Muschelform folgen,
stehtst Du am Ende
in einem Säulenrund,
dem Du nur entkommst,
wenn Du umkehrst,
zurückgehst
mit dem Fallen des Wassers,
begleitet von einer Melodie,
die so fremd
und doch
so seltsam vertraut klingt.
Bis Du dann wieder
auf dem Anfangsstein stehst,
der eine Insel bildet
in einem kleinen See,
in dem das Wasser verschwindet.
Aber wer will schon diesem
glänzenden, tönenden Wunder
entkommen?!

Tumult und Ruhe.

Plötzlich kippe ich nach vorne,
reiße mir die Hände blutig
als sie gegen die Hauswand schrammen.
Auch mein Kopf hat etwas abbekommen,
Blut läuft über meine Augen.
Das Fensterbrett schneidet in meinen Unterleib,
Schmerz durchzuckt mich grell.
Unter mir schreien Menschen,
ihre erhobenen Finger
zielen wie Pfeile auf mich.
Mein Gott, was geschieht hier?
Hinter mir entsteht ein Tumult.
Ich werde zurückgeholt.
Wärme hüllt mich ein, Stärke.
Tröstende Worte fallen auf mich herab.
Ich sammle sie auf wie eine Schale
bis ich überlaufe, kippe,
wieder gefüllt werde -
und in diesem Kreislauf
des Sammelns und Kippens
gleite ich in einen
silberfarbenen,
wundervollen,
glänzenden
Traum.


Gabriele Fleischhacker
11.10.2000