Game over

Game over

Wir sitzen hier am Tisch
und plaudern über Gingkos, Goethe, Jakarandas,
über Emotionen,
die durch Wörter Gestalt erhalten,
durch Gedichte manifestiert werden,
sichtbar, greifbar.

Die Tasse ruht in meiner Hand,
ihre gefällige Form paßt sich ideal an,
ihre Oberfläche schmeichelt meiner Haut
und der Tee ist heiß und süß.
Durch die offene Balkontür
strömt das Licht und die frühlingshafte,
zarte Wärme.

Und doch ist alles so surreal,
irgendwie nicht greifbar.

Ich stehe in einem weißen Raum.
Wirklich alles ist weiß.
Der Boden, die Decke, die Wände.
Sogar das Licht, das alles durchdringt,
dessen Quelle ich aber nicht einmal
erahnen kann.

Es ist nicht kalt,
es ist nicht warm,
es ist irgendwie - weiß.
Wenn es einen Spiegel gäbe,
ich bin mir sicher,
daß auch ich ganz weiß bin.

Eine Tür öffnet sich -
woher kommt sie, wo war sie? -
Und er kommt herein.
Die leibhaftige Verführung -
so hätte ich es wenigstens gern.

In diesem Weiß
erscheint er doppelt dunkel.
Sein Anzug, seine Haare,
seine Brauen, seine Augen.

Hier fing alles an.
Mit ihm.
Hier muß es enden.
Von hier aus komme ich raus.

Wir saßen doch gerade am Tisch
und plauderten -
oder etwa nicht?

“Gut geschlafen?”
Seine Stimme, auch sie dunkel,
samtweich, lockend, vertraut.
Ich will ihr nachgeben,
will zu ihm laufen,
mich in seine Arme werfen.
Mein Herz rast,
ich muß zu ihm.
Schon mache ich den ersten Schritt
und er lächelt wieder dieses Lächeln,
betörend, wärmend, Sehnsucht erweckend.

Wieder?

Ha, das war ein Fehler,
ein ganz großer Fehler.
Jetzt weiß ich wieder Bescheid.
“Game over!”
Meine Stimme klingt beherrscht, kalt.
Ich warte.

Nichts geschieht.
Schläft der Operator?
Na warte, wenn ich draußen bin
ziehe ich ihm die Ohren lang!
Scheißkerl.
“Game over!”
Meine Stimme hat einen Hauch von Ärger.
Nur ruhig.
Keine Emotionen.
Kalt. Leblos.
Wie eine Maschine.
Sonst werden die Befehle nicht durchgeführt.
Nur die, die ihre Emotionen beherrschen
kommen raus - und gewinnen.
Und ich will gewinnen.
Will hier endlich raus.

Ich warte -
und schaue ihm in die Augen.
Das war ein Fehler.
Ich weiß es sofort.
Und er auch.
Wieder lächelt er.
“Komm!”
Bittend, einladend
streckt er seinen rechten Arm aus.
Er dreht seine Hand nach oben,
seine Finger winken mir zu.

“Komm!”
Seine Stimme, seine Gesten -
ich mache den zweiten Schritt auf ihn zu.
Seine Augen -
ich verliere mich darin -
noch einen Schritt.

Ein kurzes Aufblitzen von Triumph
in seinen Augen -
ich erkenne es,
aber es ist zu spät.

Wir sitzen am Tisch
und plaudern über Gedichte,
über die Macht des Wortes.
Geschrieben und gesprochen.
Was heißt wir?
Ich rede und rede
und er hört zu,
wirft nur dann und wann
geschickt ein paar Worte ein,
die mir den Weg weisen -
den ich gehe -
oder auch nicht.

Ich sehe mich dort sitzen und reden
und ich weiß,
daß er das Gespräch lenkt,
souverän in der Hand hat.
Das Gespräch - und mich.

Er will etwas wissen,
etwas erfahren.
Etwas? Lernen?
Und das ist meine Chance.
Er will nicht mich.
Das zu glauben war mein Fehler.
Er will meine Emotionen. Ja.
Er soll sie bekommen.
Ich lächle - und handle.

“Game over.”
Diese Stimme kenne ich.
Der Operator.
Ich hab’s geschafft.


Gabriele Fleischhacker
27.5.2000

So, das war’s. Endlich bin ich es los. Angefangen hat es mit Gattaca. Da sah ich ihn zum ersten Mal. Fast unscheinbar, aber beeindruckend. Dann machte mich Mia auf den Film “Die Weisheit der Krokodile” aufmerksam. Da spielte er die Hauptrolle! Hatte ich gar nicht gewußt. War das ein Film! Ich sah ihn mir gleich nochmal an, auf der Stelle, schrieb mir die wichtigsten Dialoge raus. Sah ihn nochmal an. Dann las ich, daß er in “eXistenZ” mitspielt. Also holte ich mir diesen auch, sah ihn an. Noch einmal. Diese Möglichkeiten, so ganz anders als “Matrix”. Das rumorte und plötzlich waren die Worte da, sprudelten nur so hervor.
Natürlich wurde das Gedicht wieder anders, als ich mir das vorgestellt hatte. Es hatte sich doch erheblich vom Film entfernt. So ergeht es mir jedesmal.Aber jetzt steht es und ich hab’ meine Ruh’.